Zeichnung Pfarrkirche
Zeichnung Pfarrkirche

Das Brandlsche Vermächtnis

Bericht von Heinz W. Pletl vom 4. April 2020 (MZ)

In Fortsetzung des Berichtes von der 100. Grundsteinlegung der Pfarrkirche Heiligste Dreifaltigkeit in Grafenwiesen spielt als Stiftungsgrundlage das Vermächtnis des Johann Brandl (+1887), Brauereiinspektor aus Kokenhof - Livland (russische Ostseeprovinz, heute Lettland) die bedeutende Rolle. Des Öfteren fragen Gläubige beim Lesen des Pfarrbriefes: „Schon wieder eine Brandl’sche Stiftsmesse“, und keiner weiß, um was es hier geht. Recherchen zufolge war Brandl ein waschechter Grafenwiesener, der in seiner zuvor genannten Funktion als Brauereiinspektor in Livland zu einem großen Vermögen gekommen war.

Da er kinderlos blieb, vermachte er einen Teil seines Erbes seinem Heimatort Grafenwiesen. Damit sollte zum einen ein eigener Seelsorger für Grafenwiesen bezahlt werden können, zum anderen sollten die Armen im Ort nicht mehr betteln gehen müssen und mit den Zinsen dieses Vermögens ein Auskommen haben. In diesem Testament heißt es für die Kirche: „… der Kirche zu Grafenwiesen in Bayern, Bezirksamt Kötzting, welche bisher keinen eigenen Pastor honorieren kann, mit dem speziellen Zweck, dass das Geld zur Honorierung eines eigenen speziellen Pastors für die Kirche meines gedachten Heimatortes verwandt werde. Und zwar soll das Capital stets unangetastet verbleiben und die Zinsen sollen zu dem genannten Zwecke verwandt werden und im Falle dieselben für´s Erste nicht ausreichen sollten, die Zinsen solange zum Kapitale zu schlagen, bis dieses soweit gewachsen ist, dass dem Zweck gemäß ein Prediger von den Renten [Zinsen] honoriert werden kann.“

Im Testament heißt es außerdem: „In meinem Heimatorte Grafenwiesen werden die Kranken und Armen auch im härtesten Winter von Haus zu Haus geschleppt und setze ich daher fest, dass ein Capital von 1000 Rbl Silber der Grafenwiesen´schen Gemeinde überwiesen wird, von welchem Capitale jährlich die Zinsen zum Besten der allerschwersten Kranken unter den Armen verbraucht werden sollen, damit er nicht zur Winterszeit von Haus zu Haus geführt werden braucht.“

Die Kirchenverwaltung Grafenwiesen (bestehend aus: Pfarrer Köstlbacher aus Kötzting, Kirchenpfleger Schmatz, Andreas Haimerl, Franz Raith und Kaspar Mühlbauer) beschließt am 26. Januar 1890 die Annahme der Zustiftung in Höhe von 24 000 Mark. Hinzu kam, dass der Bau einer Kirche immer dringlicher wurde, da die alte Schlosskapelle – die begrenzten Möglichkeiten im Auge – die Besucher der Sonntagsmessen nicht mehr in ausreichender Zahl fassen konnte und zudem eine Inflation drohte. Man bedenke, zur damaligen Zeit hätte für diese Summe eine prachtvolle Kirche, ausgestattet mit allen Schikanen, erbaut werden können.

Aufgrund dieser großzügigen und vermehrten Spenden von Johann Brandl erklärt sich nun auch, dass heute noch öfter während des Jahres die „Brandl’sche Stiftsmesse“ gelesen wird. (hwp, Foto AK Dorfgeschichte)